Über dieses Hörbuch

Dies ist ein Ausschnitt aus dem Hörbuch „Georgio“. Die ganze Geschichte von Georgio und Anna erfährst Du in dem Hörbuch-Download.

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Die Dorotheengasse lag am Ende eines kleinen Städtchens inmitten deutschen Landes, so wie viele Kreisstädte. Kirche, Rathaus, Verwaltung und Schulen waren für die ganze Gegend zuständig. Die Nummer 8 war das letzte Haus in der Strasse, dann breiteten sich Felder und weiter auch Wälder aus. Ein Feldweg führte weiter durch die Hochebene und der Blick war weit ins Land gerichtet. Das Häuschen Nr. 8 war alt, aber von Efeu bewachsen, und ein kleiner Vorgarten mit Blumen schmückte das Gehöft, so dass es gar nicht auffiel, in welch erbärmlichem Zustand sich das Haus befand. Die Eigentümerin, Frau Anna Bauer, sagte sich jedes Jahr im Winter, wenn wieder Schiefer vom Dach fielen und Regen durch die Decke tropfte: im Frühling muß ich das Dach machen lassen. Aber wie sollte das gemacht werden, wo sollte das Geld herkommen? Die Rente reichte gerade so, um sich und ihren zwei Mitbewohnern ein komfortables Dasein zu gewährleisten. Frau Anna war pensionierte Grundschullehrerin im Städtchen viele Jahre gewesen, sehr beliebt in der Gemeinde und auch noch bei ihren einstigen Schülern in guter Erinnerung. Doch Jahr um Jahr wurde es immer ruhiger um Frau Anna, so blieben vor allem die beiden Hausgenossen, Georgio ihr Hund, und Kitty ihre Katze, ihre steten Genossen.

Die drei lebten ein äußerst gemütliches Dasein. Georgio, der Basset Hound, war lustig anzusehen mit seinen langen Ohren, seinen kurzen dicken Beinchen und Pfoten, die man schon Bratzen nennen konnte. Und erst sein Fell, dreifarbig. „Ein schönes Exemplar seiner Rasse“, sagte ein vorübergehender Spaziergänger, als er Georgio vor der Haustür Nr. 8 liegen sah. Doch Georgio hatte noch andere Qualitäten, die ihn als Mitbewohner auszeichneten. Er bellte fast nie, nur wenn er sich ab und zu sehr freute, aber dann auch nur ein, zwei Laute. Dafür aber machte er oft leise Töne, die sich anhörten, als wollte er etwas mitteilen. Frau Anna schien das zu verstehen und reagierte im selben Ton zurück oder brachte ein kleines Leckerli und sagte dann: „Georgio, geh in dein Körbchen“, was er dann auch tat, denn Georgio war für lange Spaziergänge nicht zu begeistern. Er hatte eine kleine Tür in dem Gartentor nach hinten hinaus, die benutzte er so geschickt mit seinem Kopf. Er sauste dann im Obstgarten umher und scheuchte die Vögel auf, die sich im Garten nach Würmern suchend befanden. Nach Verrichtung seiner Geschäfte kehrte er scheinbar ganz erschöpft in sein Körbchen zurück.

Auch mit der Katze, die Kitty hieß, hatte er ein gutes Verhältnis. Er war nicht eifersüchtig, wenn Frau Anna das Kätzchen auf dem Schoss hielt und es streichelte und die Katze anfing zu schnurren. Es war eine schöne Katze mit grauen Streifen, die dauernd ihre Kosmetik betrieb, so dass ihr Fell glänzte. Frau Anna sagte oft: ich weiß nicht, warum die Leute sagen „wie Katz und Hund“. Meine vertragen sich sehr gut. Manches Mal legt sich Kitty sogar ins Körbchen und er jagt sie nicht fort. Ich habe sogar gesehen, dass sie ihm das Fell geschleckt hat, aber das mag er nicht so gern. Auch den Ausgang in den Garten konnte sie mit ihrer Pfote öffnen und hinein und hinaus schlüpfen, wie es ihr passte.

Viel Besuch bekamen die drei nicht, abgesehen von dem täglichen Erscheinen des jungen Mädchens Agnesca, die Einkäufe brachte. Es war meistens um die Mittagszeit, dann gab es Futter für Hund und Katze und auch einen Mittagstisch für Frau Anna. Wenn das Mädchen mit dem Mitgebrachten zur Küche ging, da machte Georgio schon mal einen Freudenbeller. Auch wenn der Postbote ab und zu mal kam, war ein Freudenbeller angebracht. Der Gute hatte ja auch immer ein Leckerli dabei.

Es war Sonntagnachmittag, ein früher Herbsttag, die Sonne schien mit langen Strahlen durch die Fenster. Das Laub der Bäume war schon ein bißchen verfärbt, ein Hauch von Melancholie überkam Frau Anna. Sie holte ihr Fotoalbum heraus und setzte sich in den großen alten Sessel, wo sie manchmal ein kleines Nickerchen machte. Doch diesmal fing sie an zu blättern.

Das war der schönste und schlimmste Tag meines Lebens, sagte sie ganz leise vor sich hin, als sie die Fotos im Album betrachtete, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Sie klappte das Album zu. Sie wollte das Album zurück in den Schrank bringen. Ein Stuhl stand da, sie ergriff die Armlehne, griff aber daneben und stürzte auf den Boden. Ein heftiger Schmerz im Hüftgelenk ließ sie aufschreien und es war ihr nicht mehr möglich sich aufzurichten. Da schreckte Georgio im Körbchen auf, er sprang heraus, er lief zu ihr, schnupperte. Aber sie rührte sich nicht. Da rannte er durch die Öffnung der Gartentür heraus, vorne zum Nachbarhaus, setzte sich vor die Tür und fing an ganz laut zu bellen. Die Nachbarn, die gerade beim sonntäglichen Kaffee saßen, wunderten sich, was da für ein Gebelle vor ihrer Tür war. Der Nachbar öffnete die Tür und erkannte Georgio, der Hund, der niemals bellte. „Etwas ist geschehen“, rief er zu seiner Frau. „Ich schaue hinüber.“

Frau Anna hatte immer einen Schlüssel unter der Fußmatte für Agnesca. Er öffnete die Tür und sah Frau Anna mitten im Wohnzimmer auf dem Boden reglos liegen. Sofort rief er den Notarzt. Gott sei Dank, sie lebt noch, sagte er. Der Notarzt kam und ein Rettungswagen vom Krankenhaus wurde auch von ihm bestellt. Der Notarzt sagte: „Eine Gehirnerschütterung und ein gebrochener Oberschenkel.“ Der Nachbar fuhr mit dem Krankenwagen mit. Aber Georgio blieb nicht daheim. Wieder ging er durch seine Öffnung in der Gartentür und lief hinter dem Krankenwagen her. Natürlich fuhr das Auto schneller als seine kleinen Beinchen laufen konnten. Der Nachbar sorgte für alle notwendigen Formalitäten. Neben ihm stand ein junger Mann, er war der Reporter der örtlichen Wochenzeitung. Die beiden unterhielten sich und siehe da, auf einmal kam ein Hund in den Raum und der Nachbar sagte: „Dieser Hund hat ihr Leben gerettet und jetzt hat er sie auch noch gefunden hier in der Notaufnahme, das ist Georgio.“ Der Reporter war sofort aufmerksam: Hier ist eine Geschichte und machte ein Bild von Georgio. Der Nachbar aber nahm den Hund auf den Arm, um ihn mit nach Hause zu nehmen.

Zu Hause angekommen, hat er Georgio wieder in das Haus gebracht, wo die Katze zurück geblieben war. Er verständigte das Mädchen Agnesca, dass sie die beiden Tiere betreuen sollte und – wie er sagte -, bis wir sie ins Tierheim bringen. Wahrscheinlich, meinte er, wird man Frau Anna in ein Heim bringen und das Haus wird verkauft werden müssen, wenn sie das Geld nicht hat, um die Kosten zu bezahlen. Agnesca, die junge Polin, weinte bitterlich. „Die armen, armen Tiere und Frau Anna, die gute, die hatte mir erst vorige Woche versprochen, dass ich die kleine Einliegerwohnung mit dem Freund, den ich heiraten werde, bewohnen kann. So, jetzt ist alles aus. Wir kriegen nirgends so eine preiswerte Wohnung“ und fing erneut zu weinen an.

Zwei Tage vergingen, sie kam und fütterte die Tiere, besuchte auch Frau Anna im Krankenhaus, sagte aber nichts von den Plänen der örtlichen Gemeinde. Dann aber kam eine Zeitung mit der Geschichte von Georgio und einem großen Foto auf der ersten Seite. Auf einmal sprach die ganze Stadt von diesem Wunder, von diesem Tier, aber auch von der guten alten Lehrerin, von der so viele ihrer Schüler heute im Gemeinderat saßen. Es wurde diskutiert und das Bild wendete sich von Tag zu Tag. Man müßte doch für die alte Lehrerin eine andere Lösung finden und sie nicht in ein Heim abschieben, wurde vom Gemeinderat beschlossen.

Und so war es dann auch. Der Bürgermeister, ein sehr schlechter Schüler von Frau Anna, erinnerte sich, daß sie zwei Augen zugedrückt hatte, damit er in die nächste Klasse kommt, und hat sich bereit erklärt, ihr Dach auf seine Kosten herrichten zu lassen. Agnesca wurde zugesagt, dass sie die Einliegerwohnung bekommt, wenn sie sich weiterhin um Frau Anna kümmert. Alles war jetzt anders geplant und als Frau Anna aus der Reha nach Hause kam, stand die ganze Gemeindevertretung da und hat sie begrüßt. Vor allem aber lobten die Besucher den Hund Georgio. Er wurde gestreichelt und er saß da und genoß scheinbar alle Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde.

Frau Anna war sehr dankbar für die Hilfe, die sie bekam, und half wieder, wenn Kinder Unterstützung mit den Hausaufgaben brauchten oder nahm schon mal Kinder auf zum Mittagstisch, wenn Mütter keinen Platz fanden, ihre Kinder in einer Kita unterzubringen. Dann kochte Agnesca ihre einfachen aber guten polnischen Speisen. Es war jetzt immer was los im kleinen Haus am Stadtrand. Frau Anna blühte sichtlich auf.

Nur eines blieb gleich – der Sonntagnachmittag. Da war es ruhig im Haus wie früher. Georgio lag in seinem Körbchen, nachdem er kurz im Garten herumgetobt hatte und die Vögel verscheuchte, die Würmer im Gras suchten. Kitty lag neben Frau Anna auf dem Sofa. Das Spitzmäuschen suchte nach heruntergefallenen Krümeln unter dem Tisch und Frau Anna blätterte ganz langsam in ihrem Fotoalbum, wo auf einem Bild ein junges Mädchen mit blonden Haaren hinter einem jungen Mann mit schwarzhaarigem Lockenschopf auf einer Vespa saß. Georgio, sagte sie ganz leise. Der Hund rührte sich nicht. Er wußte, dieser Ruf galt nicht ihm.

Über die Autoren

Ingeborg Mehren-Hitchcock

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